Dienstag, 14. Oktober 2008

Tödlicher Pfusch in Klinik?

27.06.2007
Chefarzt im Visier der Staatsanwaltschaft

Von MARCUS BÖTTCHER und JOHANNES GALERT (Fotos)

Wegberg - Es könnte der größte Krankenhaus-Skandal des Jahres werden. In Wegberg bei Mönchengladbach ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Dr. Arnold Pier, Chefarzt der St.-Antonius-Klinik - wegen schwerer Körperverletzung und fahrlässiger Tötung in 25 Fällen. Angesammelt in nur anderthalb Jahren. Anfang 2006 macht Pier aus dem städtischen Krankenhaus eine Privatklinik. Er kauft sie für 26 000 Euro. Seitdem häufen sich die ungeheuerlichen Vorwürfe: willkürliche Operationen, mittelalterliche Behandlungen und tödlicher Pfusch. Ende August sollen Gutachten und Untersuchungen der Staatsanwaltschaft abgeschlossen sein - dann könnte es zum Prozess gegen Dr. Pier kommen.

Ende Februar 2006 wird bei Liselotte Gerhardus (75, +) ein Geschwür im Dickdarm festgestellt. ,,Das sollte in einer Mini-OP entfernt werden. Meine Frau war Diabetikerin und herzkrank. Ich habe Chefarzt Dr. Pier extra gefragt, ob der Eingriff wirklich notwendig ist", erklärt Ehemann Richard Gerhardus (82). ,,Seine arrogante Antwort war: >>Damit das klar ist! Hier bestimmen wir<<."

Elf Tage nach der ,,kleinen" Operation stirbt Liselotte Gerhardus. Ihr Witwer: ,,Ist das normal, wegen einem kleinen Eingriff elf Tage auf der Intensivstation zu liegen? Sobald ein Gutachten vorliegt, klage ich gegen den Chefarzt."

Und immer mehr schwere Vorwürfe werden erhoben. Die Liste der Opfer scheint nach Informationen des Nachrichtenmagazins ,,Spiegel" lang. Während der Behandlung von Patientin Margarethe Wilms (80) verlangt Dr. Pier angeblich nach Zitronen. Ein Pfleger muss sie aus der Küche holen. Pier lässt sie auspressen. Den Saft habe er zur Desinfektion in eine riesige Wunde der Rentnerin gespritzt. Drei Tage später ist sie tot.

Weiteres vermeintliches Opfer: Christel Lenzen (67 +). Eine abgestorbene Niere habe Pier in ihrem Körper gelassen. Um aber die Lungenhaut zu entnehmen, soll er eine Rippe aus dem Brustkorb der Rentnerin gesägt haben - eine Methode von vor 1950.

Auch Georg S. (67, +) war in Wegberg in Behandlung. Laut Gutachten erlag er einer Blutvergiftung, weil Dr. Pier eine zweite notwendige Operation nicht habe durchführen wollen. Oder Roswitha K. Sie wurde mit akuter Blinddarmentzündung eingeliefert. In ihren letzten Tagen sei ihr Körper aufgequollen - Eiweißmangel. Sie soll keine Medikamente bekommen haben - tot.

Jetzt erstellt die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach ärztliche Gutachten. Sie ermittelt in 25 Fällen gegen Dr. Arnold Pier, davon 15 mit Todesfolge. Staatsanwalt Lothar Gathen: ,,Vier Gutachten sind schon fertig." Und die haben es in sich: ,,In zwei Fällen besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen der Behandlung des Chefarztes und dem Tod der Patienten."

Inzwischen wurden Dr. Arnold Pier von der Bezirksregierung Köln medizinische Eingriffe vorläufig untersagt, seine ärztliche Approbation ruht. Der Chefarzt schweigt zu den Vorwürfen, lässt seinen Anwalt ausrichten: ,,Wir werden die gegen meinen Mandanten erhobenen Anschuldigungen entkräften können."

Doch viele Wegberger trauen sich nicht mehr in das einzige örtliche Krankenhaus. Stefan P. (Name geändert): ,,Ich weiß von vielen, dass sie lieber im Nachbarort Erkelenz in die Klinik gehen." Werner Pixken geht noch weiter. ,,Eigentlich müsste man ein Schild umgehängt haben: Bei Unfall nicht ins St.-Antonius-Krankenhaus. Ich und viele andere Wegberger wollen da auf keinen Fall hin", so der 54-Jährige.

Niemand kontrolliert Kliniken

Holger Mages von der Deutschen Krankenhausgesellschaft erklärt: ,,Prinzipiell braucht man keine spezielle Voraussetzung für die Leitung einer Privatklinik. Jeder kann Krankenhausträger sein. Es ist also kein Arzttitel nötig, um Chef oder Inhaber zu sein, man hat freie Hand. Allerdings nur solange man sich an Recht und Gesetz hält
und für eine ordentliche Personalstruktur gesorgt hat - also mit Chefarzt, Oberarzt usw. Einer Kontrolle unterliegt man nicht. Zumindest solange man sich keine Verfehlungen zuschuldekommen lässt."

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