03.06.2007
Vom Junkie zum Ironman - Andreas Niedrig wird nach Heroinsucht zum Profi-Triathlet
Von MARCUS BÖTTCHER
Oer-Erkenschwick - Andreas Niedrig war ganz unten. Versunken in der Drogenhölle, ein heruntergekommener Junkie. Er ging für Heroin klauen, betrog, knackte Autos. Verlassen von Frau und Kind, wollte er sich umbringen. Zehn Jahre später zählt er zu den weltbesten Triathleten. Im EXPRESS erzählt Andreas Niedrig seine bewegende Lebensgeschichte.
Mit 13 Jahren beginnt der heute 39-Jährige seine ,,Drogenkarriere" - Haschisch, Speed, Koks. Er probiert alles.
Mit 20 heiratet er seine Frau Sabine, Tochter Jana kommt auf die Welt. Statt Glücksmomenten spürt Niedrig aber Unsicherheit, Panik vor der Verantwortung. Die schlimme Lösung: Heroin. ,,Ich war 24 Stunden für die Droge unterwegs, klaute Sachen und verscherbelte sie. Mit dem Geld besorgte ich mir den Stoff für den nächsten Schuss. Einmal fand mich meine Frau bewusstlos auf der Toilette. Mir steckte die Nadel noch im Arm." Niedrig merkt, dass er sein Leben nicht mehr im Griff hat, sieht Selbstmord als einzige Alternative. Mit seinem Ford Fiesta knallt er gegen einen Baum - der Aufprall ist zu schwach, er überlebt.
Sabine kann nicht mehr, verlässt ihn mit der kleinen Jana. ,,Auch die Staatsanwaltschaft drohte mir: Entweder Therapie oder Knast." Niedrig gibt nach, geht in eine Entziehungsanstalt. Er begreift: ,,Ich habe plötzlich wieder Zähne geputzt, mich angezogen. Ich kannte das gar nicht mehr."
In der Therapie-Klinik ,,Holthauser Mühle" kommt der gebürtige Recklinghausener von den Drogen weg. Von der Gesellschaft aber wird Niedrig verstoßen. Er kämpft: ,,Ich bin immer wieder zu ein und derselben Firma gegangen. Ich wollte `nen Job. Die haben bestimmt gedacht: Der Typ hat `ne Vollmeise. Irgendwann haben sie mir doch Arbeit gegeben. Ich durfte Steine sortieren, bekam so Regelmäßigkeit in mein Leben."
Seine Familie kehrt zu ihm zurück, er zieht wieder mit Sabine und Jana zusammen. Doch Niedrig will mehr: ,,Mein erster Lauf war mit meinem Vater ungefähr vier Jahre nach der Therapie. Nach zehn Minuten bin ich fast zusammengebrochen. Ich spürte den Puls, das Herzrasen. Endlich wieder Leben in mir." Drei Monate später läuft Niedrig seinen ersten Marathon in der Super-Zeit von 2 Stunden und 43 Minuten. Ihm dämmert, wie viel Talent er hat, er feiert erste Erfolge: 1997 wird er Vizeweltmeister mit der Deutschen Nationalmannschaft, nur drei Monate später bricht er den Weltrekord des schnellsten Ironman-Einsteigers in Roth. Er startet mehrmals beim legendären Ironman auf Hawaii. Als er 30 Jahre alt ist, wird sein Sohn Lorenz geboren.
Alles läuft nahezu perfekt, doch 2003 erschüttert ihn wieder ein Schicksalsschlag. Nach einer Scherbe im Fuß folgen mehrere Operationen. Die Ärzte fürchteten sogar eine Fuß-Amputation.
Heute hat der Ausnahme-Athlet seine Profikarriere an den Nagel gehängt. Nur für Filmaufnahmen startet er im Juni ein letztes Mal beim Triathlon in Roth. Niedrig gibt begeisternde Management-Seminare, in den Sälen herrscht nach seiner Geschichte Totenstille, Betroffenheit.
Persönlich will Niedrig nicht mehr auf seine Vergangenheit schauen, ,,nur noch nach vorn. Viele sagen, ich tausche eine Sucht mit der anderen, aber das wäre dann doch zu einfach dargestellt." Denn mit Sucht will er nie wieder etwas zu tun haben.
Seine schockierenden Drogen-Erlebnisse und sein Kampf zurück ins Leben hat Andreas Niedrig in seinem Buch ,,Vom Junkie zum Ironman" aufgeschrieben, ab heute im Handel.
Niedrigs Wege aus der Krise
l Nicht ziellos werden. Menschen verlaufen sich ohne Ziele. Im Sport ist es dabei wie im Leben: Es gibt einen Start und ein Ziel. Sport lässt sich in fast jeden Lebens- und Berufszweig übertragen.
l Nicht zu viele Ziele setzen, sonst sieht man bald den Wald vor lauter Bäumen nicht.
l Auf die kleinen Ziele freuen. l Den Leuten, bei denen man sich auf einen Job bewirbt, zeigen: Ich will diese Arbeit, ich will helfen. Wenn man den Arsch hebt, hat jeder eine Chance.
l Mit sich selbst einen Vertrag eingehen. Man ist sein eigener Anwalt. Wenn man sich selbst nicht ernst nimmt und den Vertrag bricht, nimmt einen keiner mehr ernst.
l Unterstützung einholen, zugeben, dass man Hilfe braucht. Diese dann aber auch annehmen. Jemand muss einem sagen, wie man von anderen gesehen wird.
l Nicht zu große Ziele setzen, in kleinen Etappen denken. Zum Beispiel beim Thema ,,Abnehmen". Nicht gleich 20 Kilo abnehmen wollen und nach einer Woche auf der Waage ärgern, dass erst 200 Gramm weg sind. Lieber von Kilo zu Kilo denken.
l Wenn man arbeitslos ist: Vergessen Sie´s, Bewerbungen zu schreiben. Hingehen, wenn es sein muss mehrmals. Mit Persönlichkeit und Willen überzeugen. Zur Not halt Hilfsarbeiterjobs.
1991 Niedrig ist ganz unten, von Drogen gezeichnet, abgemagert.
1998 Niedrig schwimmt und siegt beim Buschhüttener Triathlon
2006 180 Kilometer auf dem Rad beim Inferno- Triathlon in der Schweiz
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