Sonntag, 5. Oktober 2008

Häftling zum Selbstmord-Versuch gezwungen

24.11.2006
Nach Siegburg neuer Skandal hinter Gittern

Von M. BÖTTCHER und R. NOLTE
Siegen/Siegburg - Nach dem schrecklichen Foltermord in Siegburg vor zwei Wochen ist ein neuer skandalöser Fall bekannt geworden. Ein Mithäftling zwang einen 27-Jährigen zu einem Selbstmordversuch. Er überlebte trotz aufgeschlitzter Pulsadern.

Nur wenige Stunden vor seinem Selbstmordversuch kam er in Untersuchungs-Haft. Wegen Suizidgefahr wurde er in einer Gemeinschaftszelle mit fünf weiteren Häftlingen untergebracht. Einer der Mitinsassen, Pavlos P., pöbelte ihn an. ,,Er soll seinen Haftbefehl verlangt haben, ihn beschimpft und sogar auf ihn eingeschlagen haben", so Susanne Kuschmann, Sprecherin des Landgerichts Siegen, zu dem Vorfall, der sich schon im Juli abspielte. Dann forderte Pavlos das Opfer zum Selbstmord auf, drückte ihm eine Rasierklinge in die Hand. Wie die Rasierklinge in den Knast kam, muss noch geklärt werden.

Einige Stunden nach dem Terror des Mithäftlings habe sich das Opfer im Toilettenraum tatsächlich die Pulsadern aufgeschlitzt, so Kuschmann zu EXPRESS. Die JVA-Angestellten bemerkten nichts. Doch einer der Mithäftlinge fand den blutverschmierten Mann rechtzeitig. Rief nach Hilfe. Der 27-Jährige konnte gerade noch gerettet werden. Bei der ärztlichen Versorgung erzählte er von den Attacken Pavlos P.s. Die Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet. Der Peiniger, der nur eine Ersatzfreiheitsstrafe (statt Geldstrafe) abgesessen hatte, befindet sich jetzt in U-Haft. Sein Opfer ist auch noch hinter Gittern. Im Januar beginnt die Verhandlung.

Der neue Fall zeigt, dass solch eine Gräueltat im Knast kein Einzelfall ist. ,,Es gibt eine sehr hohe Dunkelziffer", weiß Klaus Jäkel, Vorsitzender des BSBD-NRW (Bund der Strafvollzugsbediensteten). ,,Zwischenfälle passieren immer wieder, denn die Häftlinge, die draußen schlimm sind, ändern sich nicht so schnell im Gefängnis." Jetzt kommen diese Fälle ans Tageslicht und zeigen die teilweise schlimmen Verhältnisse in Justizvollzugsanstalten.

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