20.06.2007
Das Bus-Unglück auf der A 14
Von J. PHILIPPI-GERLE, G. CLASSEN und M. BÖTTCHER
Dessau/Hopsten - Todesfalle Stauende. 13 Rentner aus Hopsten konnten ihr nicht entkommen. Sie spielen Karten, schmökern in Büchern, erzählen von früher. Dann ein fürchterlicher Knall. Hermann R. (46) ist mit seinem 40-Tonnen-Lkw fast ungebremst in ihren stehenden Bus gerast. Ein Albtraum. Welcher Autofahrer guckt nicht, wenn er auf der Autobahn plötzlich bremsen muss, voller Angst in den Rückspiegel: ,,Hoffentlich rast hinten kein Laster mit seiner Tonnen-Wucht drauf."
Mein Fahrer kann´s nicht erklären. Er hat nach rechts gegriffen, wollte eine Flasche nehmen", erklärt Werner Zöllner, Geschäftsführer von Protecta aus Krefeld dem TV-Sender RTL. Unglücksfahrer R. arbeitete für seine Straßenerhaltungs-Firma. ,,Er hat die Bremslichter des Busses gesehen, hat gebremst, ist nach links rübergegangen. Da hat es schon geknallt."
Der Bus ,,Scania Century" ist mit 48 Plätzen voll besetzt, tonnenschwer. Durch die Wucht des Aufpralls wird seine Lenkachse angehoben, der Bus 40 Meter über die Autobahn geschleift. Er dreht sich nach rechts, knallt über die Leitplanke, rutscht fast zehn Meter die Böschung hinunter - 48 Senioren sind in dem Wrack gefangen. Für sieben Männer und sechs Frauen zwischen 49 und 79 Jahren kommt jede Hilfe zu spät.
Hätte das Unglück verhindert werden können? Der fatale Griff nach der Flasche im Fußraum des Beifahrersitzes. Er dauerte etwa zwei Sekunden. Das macht doch jeder mal beim Fahren. Doch es ist sehr gefährlich: ,,Bei Tempo 60 km/h legt man in einer Sekunde 17 Meter Blindflug zurück. Bei Tempo 90, was das Reisetempo für Lkw ist, sind es 25,5 Meter pro Sekunde. Damit ist der Sicherheitsabstand schon weg. Zwei Sekunden, dann sind die 50 Meter schon erledigt", rechnet Johannes Hübner vom AvD vor.
In Brummis gibt es ohne Ende Ablenkung für die Fahrer. Fernseher, Fax, Zeitung, Kaffeekanne - die Schwergewichte werden zur tickenden Zeitbombe am Stauende. ,,Es müssen in diesen Nutzfahrzeugen ganz schnell Änderungen verordnet werden. Automatische Notbremssysteme und Spurhalte-Assistenten gehören in jeden Lkw", fordert Sicherheitsexperte Hubert Paulus vom ADAC-Technikzentrum in Landsberg.
Für 13 Mitglieder der Seniorengruppe aus Hopsten kommt die Forderung zu spät. Auch Busfahrer Heinz S. (65), der leicht verletzt wurde, konnte ihnen nicht helfen: ,,Du hörst Gebete und Hilferufe aus dem Bus und kannst nicht helfen".
Ein Sicherheitssystem hatte der verunglückte Bus seiner Firma doch: Gurte. Längst kein Standard in Reisebussen. Ob die Rentner angeschnallt waren, ermittelt die Polizei. Genau wie gegen Unfall-Fahrer Hermann R.: wegen fahrlässiger Tötung. Ein Mitarbeiter von Protecta: ,,Ich möchte nicht in der Haut dieses Mannes stecken. Die Stimmung hier in der Firma ist bedrückend."
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